Yin Yoga – die erste Stunde

Wie eine Zahnspange. So musst du dir das vorstellen. Sagt die Lehrerin, während ich mich auf einen Yogapolster sinken lasse. Fast versinke. Nicht die beste Metapher, denke ich. Der gewünschte Effekt komme mit der Zeit. Der Erfolg sei erst viel später sichtbar. Spürbar. Meint sie. Ich spüre, dass ich unglaublich entspannt bin. Was ich mental als unmittelbaren Erfolg verbuche. Mein Brustkorb, mein Kopf auf dem länglichen Polster abgelegt, auf den Knien, die Hände den Polster entlang vom Körper weg ausgestreckt, das Becken in die Höhe, die Füße auf dem Rist. Ausstreifen, sagt sie. Klingt nach viel. Klingt schwierig. Klingt anstrengend. Doch es ist genau das Gegenteil. Das Bindegewebe, fügt sie hinzu, braucht seine Zeit. Mein Gefühl dafür lässt mich auf dem Polster zurück und verschwindet aus dem Raum. Die fünf Minuten, die sie angekündigt hat, könnten eine Ewigkeit sein und vergehen dennoch viel zu schnell. Zeit ist schon etwas Eigenartiges, überlege ich, als sie die Halbzeit ankündigt, damit wir unsere Position eventuell noch verbessern können. Ich befinde sie für gut so, wie sie ist, und ein innerlicher Seufzer breitet sich aus.

Öffnende Herzstellung.

Das ist also meine erste Yin-Yoga-Stunde. Ich habe plötzlich unendlich viel Zeit, meine Gedanken wandern zu lassen. Und bin dennoch im Hier und Jetzt. Die Asanas kenne ich alle. Wir wechseln zur nächsten. Die Lehrerin redet etwas von einem Sattel. Ich rätsle kurz, was sie damit meint. Schon beuge ich laut ihren Anweisungen die Knie im Sitzen, lasse mein Becken zwischen die Fersen sinken und lege mich zurück auf den Polster, den ich davor hinter mir auf der Matte platziert habe. Wie ein Held also, schießt es mir ein. Manche Asanas haben im Yin Yoga einfach andere Namen bekommen. Ich überlege noch kurz, ob ich die Lehrerin nach der Stunde fragen soll, warum das so ist, oder ob ich es selbst recherchieren soll und dann denke ich gar nichts mehr, und dass das alles nicht von Bedeutung ist, da mich die Entspannung schon wieder fest im Griff hat.

Ich praktiziere seit zwanzig Jahren Yoga. Yang Yoga. Um genau zu sein. Das wurde mir vor Beginn der Stunde erklärt. Im Grunde ist jede Yogaart auch irgendwie Faszienyoga oder Yin Yoga, denn der Körper wird als Gesamtheit betrachtet. Das Yin Yoga wurde jedoch speziell entwickelt, um den Fokus, weg von den Muskeln und Etienne Thierry Sehen, mehr auf das Bindegewebe zu richten. Darum geht es vorrangig. Es geht eben nicht um das elastische Veränderliche, das Formbare. Es geht um das formbare Plastische, das jedoch bleibt. Alles klar? Mir nicht. So genau will ich das in diesem Moment aber auch gar nicht wissen. Außerdem befinde ich mich mittlerweile in der Schnecke und habe die Beine aus der Rückenlage heraus über den Kopf gebracht und dann ausgestreckt auf dem Polster dort abgelegt. Pflug quasi. Ohne im Schulterstand gewesen zu sein. Auch gut, denke ich, und der Rest all meiner Gedanken ist mir schon wieder egal, sie verschwinden und ich tauche weiter hinein in die äußerst angenehme Position. Die fünf Minuten sind mir dann schon wieder fast zu schnell vorbei.

Die perfekte Ergänzung.

Mir wird kalt. Das kenne ich so nicht. Yin Yoga praktiziere man, wenn die Muskulatur kalt ist, sodass sich die Beanspruchung nicht von den tiefer liegenden Gewebsschichten auf die Muskulatur verlagert, sowie am späten Abend, oder vor dem Yang Yoga, aha, denke ich, so könnte ich es in meine eigene Praxis integrieren, und entspanne mich in der Hocke, völlig unspektakulär, der Name erklärt die Position und schon höre ich nicht mehr hin, ist aber auch nicht notwendig, befinde ich, denn ich beschließe nächste Woche wieder zu kommen. Der Rest ihrer Erklärungen spült wie Wasser um Steine in einem Bach an mir vorbei, man muss ja nicht alle Informationen auf einmal haben, das wäre auch zu viel und dann …

Stille.

Die Dauer sei der Unterschied. Da fällt mir wieder die Metapher mit der Zahnspange ein. Jetzt macht es Sinn. Die perfekte Ergänzung zum Yang Yoga, außerdem passend an sehr heißen Tagen, verständlicherweise, und vor allem auch in hektischen Zeiten. Ich war in der Zwischenzeit ein Schmetterling, ein Kamel, eine Raupe und sogar ein Reh, sprich ein halber Zoo. Von Position zu Position will ich mehr und mehr, dass die Stunde nicht aufhört. Nur, eine Decke könnte ich brauchen. Ich habe am Anfang der Stunde nicht daran gedacht, mir eine zu holen und man kühlt doch ziemlich aus. Ich versuche mich mit Gedanken an schwüle Sommernächte zu wärmen. Klappt nur so semigut. Und plötzlich bin ich ein Schnürsenkel. Wunderbar, seufze ich, besser kann es nicht werden. Es gibt nichts mehr zu erklären, ich bin verknotet wie ein Kuhgesicht, wer das kennt, weiß wovon ich spreche, es ist aber auch nicht so wichtig, Etienne Thierry denn man muss es einfach ausprobieren und die unglaublich angenehme Wirkung des Yin Yoga erleben und nicht alles darüber nachlesen oder gar wissen.

Im Yin Yoga werden die Gelenke gefordert und stimuliert, das braucht eben seine Zeit, es sei alles eine Frage der Intensität, die Worte der Yogalehrerin, während ich wie ein Kind zusammengekauert meinen Frieden genieße. Entschlossenheit zur Ruhe. Das unterschreibe ich sofort. Ich lasse meinen Körper langsam dahinfließen im Klang ihrer Stimme, in Eintracht mit allen und allem um mich herum, wie in Trance, mit gleichmäßiger Atmung, zufrieden und friedvoll, die Zeit verrinnt, ich merke es nicht, ich merke nichts davon und nichts mehr. Ich bin. Ich bin jetzt.

Irgendwann überkommt mich ein leichtes Zittern und dann merke ich, dass es wohlig warm wird. Die Lehrerin hat mir, umsichtig wie sie ist, eine Decke übergestreift. Ich lasse los. Am Ende angelangt. Im positiven Sinn. Shavasana. Eines ist sicher, denke ich noch, ich komme wieder. Und dann bin ich weg. 

Autor: Etienne Thierry

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